Eine Spirituelle Übung: Ein Tag Fasten

Von Verena Mezger

Ich habe einmal gelesen, dass alles, was wir über das Leben, über andere und über uns selbst glauben, sich in unserem Verhältnis zum Essen widerspiegelt. In meinem eigenen Leben habe ich erfahren, dass das wahr ist. Viele Jahre habe ich Diäten probiert, in der Hoffnung abzunehmen und das Gewicht zu halten. Es hat nie funktioniert. Ich war besessen von meinem Gewicht, ich habe damit gerungen, ich habe versucht es zu ignorieren und ich habe versucht es anzunehmen. Aber erst als ich begonnen habe, mich mit dem zu beschäftigen, was hinter dem Essen liegt, war ich in der Lage eine Lösung zu finden, die es mir erlaubt mein Wunschgewicht zu leben und langfristig zu halten.

In diesem Artikel möchte ich darüber sprechen, was ich über das Essen durch Fasten als spirituelle Übung gelernt habe und die Dinge, die es mir gezeigt hat. Ich möchte Dir vorschlagen, dass Du ein Tag fastest, das heißt nur Wasser und Kräutertee trinkst und Gemüsebrühe ohne Gemüse als Deine Mahlzeit zu Dir nimmst. Das wird Dich mit Deinen Gedankenformen und Glaubenssätzen rund ums Essen in Berührung bringen, die so tief in unserer Kultur und/oder in unseren Familien verankert sind.

Oft werden wir mit Begierden und Gelüste konfrontiert werden, wenn wir fasten und alle möglichen Gedanken werden uns durch den Kopf gehen. Wenn wir einen Tag fasten, werden wir natürlich nicht verhungern auch wenn ein Teil von uns suggeriert, dass es so ist. Wir müssen aber Raum zwischen uns und diesen Gefühlen von Hunger und Entbehrung, die uns heimsuchen, schaffen und uns sagen: „Das ist lachhaft! Ich werde nicht hungern und schon gar nicht verhungern, wenn ich einen ganzen Tag nichts esse. Also, was ist wirklich los?“

Dann können wir beginnen uns zu fragen, was sind denn wirklich unsere Gedanken und Glaubenssätze rund ums Essen. Was verursacht uns so viele Qualen? Und wenn wir darüber nachdenken, werden wir feststellen, dass Essen oft eine direkte Verbindung zur Kindheit hat.

Während wir diesen einen Tag fasten, sollten wir uns selber ein paar Fragen stellen, bezüglich wie Essen und Mahlzeiten in unserer Familie gehandhabt wurden, als wir aufgewachsen sind:

  • wurden wir gezwungen Dinge zu essen, die wir nicht mochten und dann bestraft, bspw. indem uns verboten wurde vom Tisch aufzustehen bis wir aufgegessen hatten?
  • bekamen die verschiedenen Mitglieder der Familie unterschiedliches Essen?
  • wurde Essen benutzt, um Liebe zu zeigen oder zu entziehen? Für viele ist Essen gleich Liebe.
  • wurde das Essen mit Liebe zubereitet oder mit Zorn und Bitterkeit oder wurden uns Schuldgefühle vermittelt, weil die Zubereitung des Essens so viel Mühe bereitet?
  • wurde immer in Eile gegessen?
  • war unser Familienleben und die Atmosphäre zu Hause harmonisch oder haben sich die einzelnen Familienmitglieder das Essen aus der Küche geholt, um irgendwo im Haus zu verschwinden?
  • mussten wir Kinder getrennt von unseren Eltern essen, sodass wir nie das Gefühl hatten, dass sie sich mit uns an einen Tisch setzen?

Wir müssen wirklich genau hinschauen, was hochkommt während dieses Fastentages. Und wir sollten sehr achtsam sein, ob und wie wir unseren Versuch zu Fasten sabotieren. Entschließen wir uns bspw. Kaffee oder Tee zu trinken, beides sind Coffein-haltige Getränke, die unsere schwierigeren Emotionen stimulieren. Oder stecken wir uns irgendetwas in den Mund, während wir unsere Fastenmahlzeiten vorbereiten. Wir müssen uns fragen, warum haben wir Kaffee oder Tee getrunken oder irgendetwas genascht, obwohl wir fasten.

Höchstwahrscheinlich wirst Du alleine fasten. Es ist immer spannend, dem inneren Dialog zuzuhören, wenn Du selbst nichts isst während die anderen essen. Hast Du Probleme damit? Und was geht in Dir vor, wenn die anderen essen und du nicht? Vielleicht fühlst Du Neid, dass sie was zu Essen kriegen und Du nicht. Oder vielleicht spürst Du Selbstmitleid, weil Du nichts kriegst. Oder vielleicht fühlst Du Dich überlegen, weil Du auf Essen verzichten kannst und die anderen nicht.

Gib auf die Gefühle, die an diesem Fastentag in Dir aufsteigen, gut Acht. Verurteile sie nicht oder versuche sie nicht zu unterdrücken. Beobachte sie nur und spüre in sie hinein. Spüre, wo sie in Deinem Körper sitzen und wie sie sich bemerkbar machen. Benenne sie. Sie geben Dir so tiefen Einblick in Deine Familiengeschichte und die Glaubenssätze, die Du entwickelt hast. Uns unserer Beziehung zum Essen bewusst zu werden, kann uns auf wunderbare Weise auf unserem persönlichen Weg des Wachstums, der Evolution und der Transformation unterstützen.


Fastentagebuch

Vielleicht magst Du Dich beobachten, während Du durch Deinen Fastentag gehst. Unter Einbeziehung der Fragen weiter oben, könntest Du schreiben, wie sich dieser Tag für Dich entfaltet und alles, was Dir wichtig scheint.

Dadurch kannst Du vielleicht tiefe Einsichten gewinnen und sogar eine Achtsamkeitspraxis entwickeln, bezüglich Deinem Verhältnis zum Essen. Das großartige daran, Essen als Pforte zu größerer Achtsamkeit und tieferem Bewusstsein zu nutzen, ist, dass Du jeden Tag mehrfach dazu Gelegenheit hast und das jeden Tag im ganzen Jahr.


Verena Mezger ist Absolventin des IIT and arbeitet seit 2004 mit Tanis Helliwell.

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