Herzöffnung

Als Teil des Zertifizierungsprogramms “Spirituelle Transformation” hat Tanis uns immer ermutigt, ehrenamtlich zu arbeiten; etwas zu wählen, was sich unterschied von dem, was wir kennen oder in der Vergangenheit gemacht hatten; uns „auszudehnen“ in unbekannte Bereiche.

Als ich in Rente ging, wollte ich eine Pause vom Verantwortlich-Sein. Ich wollte nichts als mich nur um mich und meine eigenen Bedürfnisse kümmern, die ich während der vorangegangenen Jahre vernachlässigt hatte. Während dieser Jahre hatte ich mich darauf konzentriert, anderen zu helfen und dabei einige Male einen Burnout erlebt. Ich spürte, ich brauchte Zeit für mich selbst. Das hielt einige Jahre lang an, in denen ich eine relative Ruhe und Entspannung erlebte. Es war wunderbar und ich bin so froh, dass ich mir dieses Geschenk gegönnt habe.

Eine Gelegenheit klopft an

Doch nachdem ich mich beschenkt hatte, war es an der Zeit, etwas zurückzugeben. Was konnte ich tun, um auch weiterhin meinen Lebenszweck zu erfüllen und aktiv einen sinnvollen Beitrag zum Dienst an der Welt zu leisten? Wenn du bereit bist und offen für sich bietende Gelegenheiten, dann ist das Universum da und hilft dir mit Synchronizitäten – und diese Gelegenheit fiel mir regelrecht in den Schoß. Eines Tages im Sommer trafen mein Mann und ich uns zum Essen mit einem Freund und dessen Familie. Ich saß neben der Schwester unseres Freundes, die mir von ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit erzählte, dem therapeutischen Reiten für Kinder mit Behinderung. Es klang faszinierend, und sie lud mich ein, mir das Ganze doch mal anzuschauen. Ich nahm die Einladung an.

Im darauf folgenden September begann ich meine ehrenamtliche Tätigkeit bei ETRA Therapeutic Riding Association (www.etra.ca), die sich zufällig auch gleich bei mir in der Nähe befinden. Ich habe mich aus mehreren Gründen für diese Arbeit entschieden. Erstens war ich für eine ehrenamtliche Tätigkeit bereit, und dann war es etwas ganz anderes als alles, was ich jemals gemacht hatte. Darüber hinaus wollte ich etwas Körperliches tun. Und als letztes: ich hatte Pferde immer schon geliebt und wollte lernen, sie besser zu verstehen und mit ihnen zu arbeiten. Diese ehrenamtliche Tätigkeit erfüllte alle meine Anliegen, aber was ich am Anfang nicht realisierte, war die Auswirkung, die diese Arbeit auf mein ganzes Leben haben würde.

Vorteile – es ist eine Win/Win/Win-Situation

Die größte Belohnung war die Arbeit mit unseren Reitern, von denen die meisten Kinder sind. Ihre Behinderungen sind körperlicher, mentaler und emotionaler Art und bei den meisten ist es eine Kombination aus allen dreien. Therapeutisches Reiten hat die offensichtlichen Vorteile, körperliches, mentales und emotionales Wohlbefinden zu verbessern, doch was wirklich mein Herz öffnete, war, dass ich Zeuge davon sein durfte, was das in Wirklichkeit bedeutete.

  • Ein vollkommen nicht-kommunikativer autistischer Junge baut allmählich eine vertrauensvolle Beziehung mit dir auf und stellt jetzt Augenkontakt mit dir her, lächelt dich an, nennt dich beim Namen, winkt dir zu, während er reitet und dauernd mit jedem schwatzt.
  • Ein ängstlicher Junge, der seine Augen zuhält, um Kontakt zu vermeiden, findet den Mut, zur Rampe zu gehen und Hilfe beim Aufsteigen aufs Pferd zu akzeptieren. Und wenn dann die Reitstunde anfängt, öffnet er seine Augen, lächelt, kichert und wedelt mit den Armen.
  • Eine junge Frau ringt sich zum Traben durch und ist – zum ersten Mal – die Beste in der Klasse.
  • Die Beine eines Mädchens entspannen sich, während sie ihr Pferd mit einhändiger Zügelführung durch eine Reihe aufgestellter Kegel lenkt.
  • Eine junge Frau, die nicht spricht, lacht über unsere Scherze; ein kleiner Junge kichert immer, wenn er auf ein Pony gesetzt wird.
  • Ein blinder junger Mann summt während des ganzen Ritts leise vor sich hin.
  • Ein Junge und ein Mädchen lernen, gegeneinander anzutreten und zu verlieren, ohne wütend zu werden.

Selbstheilung beginnt mit dem Öffnen des eigenen Herzens

Manche Kinder werden nie wirklich eigenständig reiten, aber sie haben die Gelegenheit zu erleben, was jeder, der mit Pferden arbeitet, erleben kann: den Wert von Geduld, Ruhe und Mut, von Selbstdisziplin, von der Konzentration auf die momentan anstehende Aufgabe, davon, dass sowohl auf ein Handeln als auch auf ein Nicht-Handeln eine Konsequenz erfolgt, und was vielleicht das Wichtigste ist, sie erleben, wie Pferde immer mit Ehrlichkeit und Großzügigkeit auf jene reagieren werden, die offen und ehrlich mit ihnen umgehen.

Wenn ich sehe, wie wahrhaft glücklich und fröhlich diese Kinder während dieser einen Stunde in der Woche sind, in der sie reiten dürfen, dann ertappe ich mich dabei, wie ich mit ihnen lächle und lache. Ich bin so stolz auf sie, und dann erkenne ich – mein Herz ist vollständig offen. Ich erkenne, dass auch ich Therapie erhalte. Es ist eine Win/Win/Win – Situation.


Merle Dulmadge hat seit 2000 bei Tanis studiert und auch eine Reihe von Jahren für sie gearbeitet. Sie hatte über 15 Jahre lang ihre eigene Management-Berater-Firma (Dulmadge and Associates Inc.), bis sie im Jahr 2014 in Rente ging. Merle und ihr Mann Randy wohnen seit 10 Jahren auf Vancouver Island, und gegenwärtig ist sie Präsidentin der ETRA Therapeutic Riding Association.

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