Liebe

von Tanis Helliwell

Liebe ist wohl das wichtigste Gefühl, das wir in unserem Leben erfahren können. Sie motiviert uns, die Besten zu sein, die wir sein können, und die Schlechtesten. Der Erforschung der Liebe sind mehr Bücher, Filme und Lieder gewidmet als irgendeinem anderen Thema. Wir wissen, dass Babys, die gehalten und liebkost werden, gedeihen und dass Babys, denen Berührung vorenthalten wird, verkümmern und sogar sterben. Auch im Erwachsenenalter geht unsere Suche nach liebevollen Beziehungen weiter, und wenn uns diese fehlen, fühlen wir uns traurig und deprimiert.

Es gibt viele Arten von Liebe, aber die drei wesentlichen, welche von den alten Griechen definiert wurden, sind: Eros, Philia, und Agape. Um den Einfluss der Liebe auf unser Leben besser zu verstehen, ist es hilfreich, diese drei Begriffe genauer zu untersuchen.

Eros

Eros ist die Liebe auf der Ebene des physischen Körpers. Er ist die sexuelle Anziehung, die wir für die eine Person statt für eine andere empfinden. Er heizt unsere Geschlechtsdrüsen und unsere Säfte an und erzeugt einen Hunger, eine Begierde in unserem physischen Körper. Eros hat auch mit Sinnlichkeit zu tun, welche wir in körperlichen Freuden finden können, wie z. B. eine Massage zu genießen, unsere Füße gekrault oder unseren Kopf gestreichelt zu bekommen. Die vielen Arten, sich pflegen zu lassen, Maniküre, Pediküre und selbst das Haareschneiden, sind in unserer Gesellschaft sinnliche Ausdrucksmöglichkeiten für den Eros – und manchmal die einzigen Formen, die uns bleiben, wenn wir keinen Geliebten haben.

Durch die Leidenschaft des Eros bricht die emotionale Stabilität in sich zusammen, was dazu führt, dass unsere Gedanken vom Objekt unserer Begierde beherrscht werden. Es kann Chaos in unserem Leben entstehen, wenn wir stabile Beziehungen und Arbeitsstellen verlassen, um der neuen Person zu folgen, die wir zu lieben glauben. Diese Phase der erotischen Liebe dauert vielleicht nur drei bis sechs Monate – doch welch ein Abenteuer erleben wir! Während dieser Zeit projizieren wir auf unsere/n Liebhaber/in all die wünschenswerten Qualitäten, die er oder sie haben sollte und vermeiden sorgfältig, alle Eigenschaften genauer anzuschauen, die außerhalb unseres Wunschbildes liegen.

Eros kommt in vielen Abstufungen daher, von leichter Verliebtheit bis zu leidenschaftlicher Intensität, wo wir das Gefühl haben, wir müssten sterben, wenn der oder die Geliebte unsere Liebe nicht erwidert. Doch mit der Zeit nimmt die erotische Spannung zwischen Liebenden ab, wir wachen auf und erkennen die vorher ignorierten Eigenschaften des geliebten Menschen und fangen an, unsere Beziehung neu einzuschätzen. Fragen über Werte, Lebensstil, Freunde unseres Geliebten tauchen auf und wir prüfen diese genauer, um zu sehen, ob sie mit unseren zusammenpassen. Wenn das nicht der Fall ist, ist die Beziehung meistens zu Ende, obwohl in manchen Fällen die erotische Komponente sehr stark bleibt und die Beteiligten deshalb in Beziehungen verweilen, welche in anderer Hinsicht nicht gesund sind. Wenn wir jedoch soweit kommen, unseren Liebhaber als einen Freund zu mögen, dann treten wir in die zweite Phase der Liebe ein, welche die Griechen Philia nannten.

Philia

Philia ist die Liebe, die wir für unsere Familienmitglieder und für gute Freunde empfinden. Sie ist voller Zuneigung und platonisch. Es ist die Liebe des Herzens, nicht eine geschlechtliche Liebe. Wenn wir an die Liebe denken, die wir unserer Mutter, Schwester, unserem Bruder und sowohl Freunden als auch Freundinnen entgegenbringen, dann verstehen wir Philia. Diese Liebe geht über das Geschlecht, das Alter hinaus; es ist eine Liebe für jemanden, der Teil unseres Zirkels ist, für jemanden, den wir als einen Menschen lieben, welchen wir kennen und mit dem wir unser persönliches Leben teilen. Diese Liebe kann auch die Liebe für einen Hund, eine Katze oder einen Vogel mit einschließen, welche zu unserer Familie gehören.

Arrangierte Heiraten in östlichen Ländern beginnen sehr oft mit einer Philia-Liebe; die Eltern wählen die Partner aus Familien, welche durch ähnliche Werte und durch Freundschaft verbunden sind. Meistens hatten die Kinder zum Zeitpunkt der Hochzeit weder sexuelle Erfahrungen noch erotische Gefühle für ihren zukünftigen Partner, doch im Laufe der Zeit kann es sein, dass aus Philia erotische Liebe erblüht. Liebe in den westlichen Ländern ist das Gegenteil; hier verlieben sich die Menschen meistens in den Eros und entwickeln im Laufe ihrer Beziehung Philia-Liebe. Interessanterweise scheinen Paare in östlichen Ländern, indem sie Beziehungen auf der Basis von Philia beginnen, genauso viel Erfolg zu haben in Bezug auf eine liebevolle Ehe wie westliche Länder, wo diese Beziehungen auf der Basis von erotischer Liebe beginnen. Für lang anhaltende liebevolle Verbindungen scheint auf jeden Fall Philia von Wichtigkeit zu sein.

Agape

Es gibt eine dritte Art von Liebe. Agape ist die Liebe, welche uns und allem Leben von Gott, vom Schöpfer, vom kosmischen Geliebten, von der Großen Mutter und dem Göttlichen unter all seinen Namen entgegengebracht wird. Im Neuen Testament der Bibel wird für die bedingungslose Art und Weise, in der Gott uns liebt, der Begriff Agape verwendet. Wir Menschen können dieser Art Liebe ebenfalls nacheifern, indem wir anderen unsere Liebe schenken. Agape wird durch den buddhistischen Satz definiert „Liebe alle Wesen so, wie du deine Mutter liebst“ oder durch Jesus, wenn er sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Auf den ersten Blick mögen diese Sätze verwirrend erscheinen, da wir gerade gesagt haben, dass für die Liebe zu Familienmitgliedern der Begriff Philia verwendet wird. Jedoch können wir bei näherem Hinsehen erkennen, dass sowohl Buddha als auch Jesus die Bedeutung bedingungsloser Liebe für alle Wesen hervorheben.

Zu Agape gehört weder die heiße Leidenschaft von Eros noch die an Bedingungen geknüpfte Ausschließlichkeit und Begrenzung auf Familie von Philia. Sie ist eine spirituellere Liebe als die anderen beiden und gründet sich auf dem Glauben, dass alle Wesen eins sind. Wenn wir mit Agape lieben, dann töten wir niemanden aus einem anderen Land, mit einer anderen Religion oder einer anderen Lebensweise als der unsrigen. Dann ist uns alles Leben heilig und ein Ausdruck des Geistes in seinen vielen Formen. Es kann sein, dass uns das, was jemand tut, nicht gefällt, aber dennoch lieben wir ihn oder sie. Im Unterschied zu den Vorlieben und der selektiven Herangehensweise, die zu Philia und Eros gehören, hat Agape keine Vorlieben, wen oder was sie liebt. Agape ist altruistisch, weit offen und nicht sentimental.

Agape ist auch bekannt als die Liebe der Seele, sie ist die Liebe des spirituellen Suchers, der Gott liebt und alles auf sich nimmt, was nötig ist, seien es nun dunkle Nächte oder Seligkeit, um sich mit dem Göttlichen zu vereinen. Agape bedeutet Nicht-Verhaftetsein dem Resultat gegenüber; der mit Agape Liebende verpflichtet sich, Liebe zu sein: mit seinem ganzen Wesen im gegenwärtigen Moment, wer auch immer davon betroffen ist und was auch immer gerade geschehen mag.

Eros, Philia und Agape schließen sich nicht gegenseitig aus, und wir können einen Menschen und selbst das Göttliche auf alle drei Arten lieben. In unserer Welt kennen und verstehen wir mehr von Eros und Philia als von Agape. Weil Agape kühler und frei von Präferenzen ist, kann es sein, dass sie nicht immer als Liebe erkannt wird. Lehrer, die uns auf unserem spirituellen Pfad helfen, bedienen sich der Agape-Liebe. Vielleicht wenden sie sowohl Mitgefühl als auch hartherzig scheinende Liebe in Bezug auf ihre Schüler an, um sie Agape zu lehren, was bedeutet, alle Wesen so zu lieben, wie sie einen Geliebten/eine Geliebte, eine Mutter oder Gott lieben.

Alle drei Formen der Liebe motivieren uns, bessere Menschen zu werden. Durch die erotische Liebe erfahren wir die Höhen der Ekstase und die Tiefen der Sehnsucht und des Schmerzes, damit unsere Herzen aufgebrochen werden und wir zu tieferer Liebe fähig werden. Durch Philia-Liebe erlernen wir Vergebung, Geduld, Toleranz und Ausdauer, indem wir uns verpflichten, jemand anderen auf lange Sicht zu lieben. Durch Agape entwickeln wir unbegrenztes Mitgefühl, Glauben und Vertrauen in alle Arten, auf die das Göttliche durch die Liebe in unserer Welt wirkt.

In meinem Gedichtband Umarmt von der Liebe lasse ich euch an meinen Gedanken über alle diese Arten von Liebe teilhaben. Viel Freude!

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