Essen ist eine Pforte

OLD DOOR 10-smallervon Verena Deeken

Unser Verhältnis zu Essen kann die Pforte zu unserer inneren Welt sein. Es erlaubt uns, ein besseres Verständnis zu bekommen, welche Emotionen wir versuchen zu vermeiden, welche Erinnerungen uns heimsuchen oder welche Geschichten wir uns selber immer wieder erzählen und die uns davon abhalten in unserem Leben aus dem Vollen zu schöpfen. Und es ist eine zutiefst spirituelle Praxis, wenn wir uns darauf einlassen unser Essverhalten als Hinweis darauf zu verstehen, wie wir uns sehen und was wir über das Leben glauben.

So lange ich mich erinnern kann habe ich mit meinem Gewicht gekämpft. Ich war nie damit zufrieden und ich konnte mich nie mit meinem Aussehen abfinden. Zu Teenagerzeiten war ich sogar recht schlank aber mit zunehmendem Alter hat sich das geändert und mit jedem Lebensjahrzehnt legte ich kräftig zu. Aber die Gefühle, die ich damit verband, blieben die ganze Zeit über so ziemlich dieselben. Sie gingen ungefähr so: wenn ich doch nur schlanker wäre (was auch immer schlank heißt) und einen geschmeidigen und wohltrainierten Körper hätte, dann wäre ich viel glücklicher, würde ein erfüllteres und sinnhafteres Leben führen und wäre liebenswerter und würde auch mehr geliebt. Und seit einigen Jahr habe ich das noch ergänzt um: und, natürlich, wäre ich spirituell auch schon viel weiter.

Unglücklich und besessen

Ich behielt meine Herausforderungen und Probleme mit meinem Gewicht und meinem Körper größtenteils für mich. Ich konnte es niemandem gegenüber – auch nicht mir selber – zugeben, wie unglücklich es mich machte, wie oft ich mich dafür selbst verachtete und wie besessen ich davon war. Es gab keinen Tag, vermutlich noch nicht mal eine Stunde, in der ich nicht daran dachte und mir entweder schwor nie wieder einer Fressattacke nachzugeben, nie wieder Süßigkeiten oder Chips zu essen und für den Rest meines Lebens ernsthaft Sport zu treiben oder meine Zeit damit verbrachte darüber zu jammern, wie ich im Spiegel aussehe und wie schwerfällig und unbeweglich ich mich fühle. Ich träumte dann davon, wie großartig mein Leben aussehen würde, wenn endlich die langersehnte Zahl auf der Anzeige meiner Waage auftauchen würde nur um dann wieder unsanft in eine Realität zurückgeholt zu werden, in der jeder Kleiderkauf ein Alptraum war, weil die Geschäfte grundsätzlich nichts in meiner Größe hatten.

Aber am meisten isoliert und verlegen fühlte ich mich, wenn ich auf ein Meditations-Retreat oder zu einem spirituellen Workshop ging oder Menschen traf, die mit mir auf dieser spirituellen Reise sind. Es schien mir immer, dass ich der einzige Mensch weit und breit war, der mit so nichtigen Dingen wie Gewichtsproblemen rang während alle anderen, so glaubte ich, sich mit den wahrhaft wichtigen Dingen beschäftigten wie Achtsamkeit, Präsenz und Erleuchtung.

Die Wende

Vor drei Jahren hatte ich das Glück, ein fünftägiges Schweige-Retreat mit dem Dharma-Lehrer Christopher Titmus zu machen. Während der Fragestunde hob ich in einem Akt von Wagemut meine Hand, um mit ihm das Thema Essverhalten, Essen und Gewicht zu beleuchten. Ich gewann großartige Einsichten aber was mich wirklich umwarf, war die Resonanz, die ich erhielt. Viele Teilnehmer kamen später auf mich zu, um mir zu sagen, wie dankbar sie waren, dass ich dieses Thema gewählt hatte, wie mutig sie mich fanden, es anzusprechen und wie sehr es ihnen geholfen hat.

Um diese Zeit herum gab mir eine Freundin ein Buch mit dem Titel Essen ist nicht das Problem: Wie Frauen Frieden mit sich und ihrem Körper schließen von Geneen Roth. Es hat eine Tür in eine ganz neue Welt für mich aufgetan.

Wenn nur …

Bis zu dem Zeitpunkt war ich der festen Überzeugung, wenn ich nur mit eisernem Willen und Selbstdisziplin meine guten Vorsätze zum neuen Jahr über Abnehmen und mehr Sport endlich umsetzen würde, wäre alles gut. Wenn ich endlich streng nach einem Plan leben würde, der mir sagt, wie ich meine Nahrungsaufnahme durch Kalorien- oder Punktezählen reduzieren und meinen täglichen Verbrauch durch Power Yoga, Kalisthenie oder Pilates erhöhen könnte, dann würde ich es schaffen. Aber früher oder später ließ ich die guten Vorsätze schleifen und war damit ein weiteres Mal tief enttäuscht von mir und überzeugter denn je, dass ich ein hoffnungsloser Fall bin und es nie auf die Reihe kriegen werde.

Nach der Lektüre von Geneens Buch begriff ich, dass das, was ich immer als mein größtes Hindernis angesehen hatte, um mich weiter zu entwickeln und zu einer seelenvollen Persönlichkeit heranzureifen: mein Dauerkampf mit dem Essen und Gewicht genau die Pforte zu innerer Freiheit und Frieden ist, nach der ich so verzweifelt gesucht hatte.

„Bin ich wirklich hungrig?“

Um durch dies Pforte zu gehen, ist es notwendig, dass wir uns zwei einfache Fragen stellen: „Bin ich wirklich hungrig?“ und wenn nein: „Warum esse ich dann?“ Wenn wir essen, wenn wir nicht hungrig sind, dann ist Essen ein Fluchtweg, den wir nutzen, um nicht dort zu sein, wo wir nicht sein wollen oder das zu fühlen, was wir nicht fühlen wollen. Wir müssen unseren Körper bewusst wahrnehmen, um zu spüren, ob wir tatsächlich hungrig sind. Wenn wir zum Essen greifen, ohne hungrig zu sein, wissen wir, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. In diesem Moment brauchen wir die Bereitschaft genau hinzusehen und zu hinterfragen, was wirklich los ist. Wir müssen uns auf diese Reise ins Innere einlassen.

In den letzten drei Jahren habe ich nicht zugenommen aber auch nicht abgenommen. Was sich aber völlig verändert hat, sind meine Gefühle hinsichtlich Essverhalten und Gewicht. Die Besessenheit hat sich einfach aufgelöst. Die Waage in meinem Badezimmer hat nicht mehr die Macht darüber, ob ich einen guten oder schlechten Tag habe, je nachdem welche Zahl sie mir anzeigt. Meine Kleidergröße bestimmt nicht mehr meinen Selbstwert. Ein Blick in den Spiegel oder ein Foto von mir, kann nicht mehr eine Abwärtsspirale aus Selbstverachtung und Verzweiflung in mir auslösen.

Umarme das Jetzt!

Ich würde Lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mit meinem Gewicht glücklich bin. Ich hoffe immer noch, dass das Gewicht eines Tages einfach von mir abfällt oder dass mich meine spirituelle Reise an dem Punkt vorbeiträgt, wo das Übergewicht noch seinen Zweck erfüllt. Aber vielleicht ist dies, wie Tanis Helliwell sagt, der nächste Schritt des Weges, den wir tun müssen und was ich als gute Botschaft für uns alle empfinde. Sie lautet: dass wir das Hier und Heute unseres Lebens aus ganzem Herzen umarmen und lieben und zufrieden mit dem sind, was ist, selbst wenn sich daran vielleicht nie etwas ändern wird. Je mehr ich das tue, desto mehr inneren Frieden erfahre ich.

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