Was bedeutet spirituelle Transformation?

“Wenn diese von uns errichteten Barrieren zwischen unserem
Ego und der Seele und zwischen anderen und uns einstürzen, dann werden wir
wahrhaftig zu einer von der Seele durchdrungenen Persönlichkeit.”

Gespräch zwischen Tanis Helliwell und Verena Deeken

Was bedeutet eigentlich spirituelle Transformation?

T: Spirituelle Transformation passiert fast von selbst, wenn Menschen mehr Schmerz als Freude verspüren. Viele Menschen haben ihre Persönlichkeit randvoll mit materiellen Gütern angehäuft. Dann, irgendwann, wird ihnen bewusst, dass sie immer noch nicht glücklich sind. Durch diese Einsicht können sie eine von zwei möglichen Schlüssen ziehen: entweder, dass es ihnen noch immer an materiellen Dingen mangelt und sie noch mehr anschaffen müssen oder sie fangen an zu verstehen, dass ihr Leben nicht in einer Art und Weise verläuft, welche ihnen dauerhaftes Glück beschert.

Die zweite Einsicht bedeutet einen spirituellen Durchbruch, der den Einzelnen dazu bringt, ein völlig neues Wertesystem aufzubauen und Gedanken wie diese auszusprechen: „ Ich werde niemals ein stabiles Fundament aufbauen, indem ich noch mehr materielle Güter anschaffe, noch öfter in Urlaub fahre oder noch öfter an Vergnügungen teilnehme. Ich muss Frieden und Glück in mir selbst finden, und um das tun zu können, muss ich mich ändern.”

Spirituelle Transformation ist eine globale Bewegung

Es ist interessant, dass spirituelle Transformation als Massenbewegung jetzt auf der ganzen Welt zu sehen ist und dass dies ein ziemlich neues Phänomen in der Menschheitsgeschichte ist. Bis vor 50 Jahren hatten regionale Gemeinschaften ein homogenes Wertesystem, was Religion oder Verhaltensweisen und Umgangsformen betrifft, und das nenne ich die alten Werte. Dann, ausgelöst durch technologischen Fortschritt und beide Weltkriege, sahen wir den Niedergang dieser Werte insbesondere in Nordamerika und Europa. Ein neues Wertesystem bildete sich heraus, das auf Materialismus aufgebaut war.

Leiden beruht darauf, in dieser Welt materiellen Dingen verhaftet zu sein.

Ungefähr zur selben Zeit gab es eine Gegenbewegung von Ost nach West. Sie bestand aus Meditation, Buddhismus, Hinduismus und Yoga, die in Essenz alle dasselbe lehren: Leiden beruht darauf, in dieser Welt materiellen Dingen verhaftet zu sein. Dieses „östliche“ Denken hat unser globales Bewusstsein durchdrungen und bietet uns einen ganz anderen Weg zum Glück als den Weg des Materialismus, den die westliche Welt verfolgt hat.

Einige Menschen versuchen jedoch zur vermeintlichen Sicherheit der alten Werte, die bis vor 50 Jahren galten, zurückzukehren. Sie suchen die Sicherheit in fundamentalistischen Bewegungen christlicher, muslimischer oder anderer Prägung, die darauf beruhen, dass „alleine“ Jesus, Allah oder ein anderer Heilsbringer sie retten kann und dass sie ewiges Glück erst im Tod erfahren können. Es ist wichtig festzuhalten, dass Fundamentalismus auch in Öko-, Gesundheits-, spirituellen und vielen anderen Bewegungen zu finden ist. Jede Bewegung, die von sich behauptet: „Ich kenne die Wahrheit und alle anderen haben unrecht“ ist im Prinzip fundamentalistisch. Sie alle wenden sich rückwärts zu dem alten Gemeinschaftsprinzip „Wir gegen Sie“.

Fundamentalisten sind oft großzügige, liebevolle und mitfühlende Menschen, aber ihr Glaubenssystem basiert auf einem alten, im Zusammenbruch befindlichen Wertesystem. Sie versuchen die globale Welt auf das einfache Maß der alten regionalen Gemeinschaften zurechtzustutzen – man versucht sich mit Menschen, die gleich denken und handeln, zu umgeben und man versucht, zurück zur Sicherheit zu finden, anstatt in dieser Welt voranzuschreiten.

Willst Du damit sagen, dass sie sich nicht mit den komplexen Fragestellungen, mit denen wir heute zu tun haben, beschäftigen wollen, dass sie also in Kategorien von Schwarz und Weiß, Gut und Böse denken?

T: Jeder möchte geliebt und anerkannt werden und jede hat vielleicht eine Antwort auf die drängenden Themen, denen wir uns stellen müssen. Spirituelle Transformation findet dann statt, wenn man darüber aus dem Glauben herauswächst, dass ein einzelner Mensch uns retten könnte – dies ist das Denken des alten Wertesystems, in dem man sich nach den guten Eltern sehnt, die es einem erlauben, wieder Kind zu sein und sich sicher zu fühlen. Die Sicht eines einzelnen Menschen auf Gott kann viel zu eng sein. Alles, was die anderen Sichten ausschließt, ist eng.

Das Paradox bereitwillig anzunehmen, unsere eigene Wahrheit zu finden und dabei die Wahrheiten der anderen anzuerkennen, die Komplexität unserer Welt als Ganzes bereitwillig anzunehmen, dafür brauchen wir einen offenen, allumfassenden Ansatz, der aufmerksames Zuhören und tiefes Mitgefühl verlangt.

Was passiert während der spirituellen Transformation?

T: Spirituelle Transformation heißt: zulassen, dass niemand alle Antworten kennt;  zulassen, dass wir uns im Unbekannten bewegen; zulassen, dass sich alte auf Furcht und Mangel fußende Glaubenssätze auflösen; zulassen, dass wir Fehler machen und uns trotzdem lieben, solange der Prozess währt; und Tag für Tag unseren Weg immer mehr zu läutern und zu lieben, zu vergeben und zu vertrauen – uns, anderen und der geistigen Welt – während wir nach Lösungen suchen in unsrem Privat-, Berufs- und Weltenbürgerleben.

Ich habe grade Anita Moorjanis Buch: „Heilung im Licht“ gelesen, wo sie über ihre Nahtoderfahrung und die grenzenlose Liebe schreibt, die sie dort umgeben hat. Sie beschreibt es als Mitgefühl und tiefe Einsicht und nicht nur Verzeihen, denn jemanden zu vergeben, enthält immer ein urteilendes Element von: Du hast mir Unrecht getan und ich vergebe Dir dafür. Aber grenzenlose Liebe urteilt nicht.

T: Für die Mehrheit der Menschen wird Mitgefühl und tiefe Einsicht geboren aus Verzeihen von Unrecht, von dem wir glauben, dass wir es anderen angetan haben oder andere es uns. Wir müssen erst zur Vergebung fähig sein, um echtes Mitgefühl zu entwickeln. Unsere Verwirrung, unsere Sorgen, unsere Ängste auf der einen Seite, und unsere Hoffnung, unser Gebet, unsere Absicht auf der anderen Seite sind der Weg, der zu Authentizität führt. Um ehrenhaft zu bleiben auf diesem Weg, müssen wir ehrlich zugeben, wo wir stehen, sowohl unsere Stärken als auch unsere Schwächen, sowie das, was wir uns erhoffen, und wir müssen die geistige Welt bitten, uns zu unterstützen. Wir entwickeln uns Schritt für Schritt. Wenn wir nicht bereit sind, die Wahrheit anzuerkennen und zu den Bereichen in uns zu stehen, wo wir stark sind, aber eben auch zu denjenigen, wo wir Ängste haben, dann kann uns die geistige Welt nicht voll umfänglich unterstützen.

Der Weg ist, authentisch zu sein in dem Wissen, dass das, was heute authentisch ist, morgen nicht so sein muss, weil wir uns weiter entwickeln.

Das Ziel der spirituellen Transformation

Was wir tun können, ist Folgendes: Wenn wir uns und andere so annehmen, wie wir sind, setzen wir uns nicht unter den Druck, Erleuchtung erlangen zu müssen. Denn was passiert, wenn wir nicht erleuchtet werden, ist es dann unsere Schuld? Ist unser Leben dann gescheitert? Es ist nicht an uns, Erleuchtung zu wählen, sondern an der geistigen Welt, uns diese zu gewähren. Es ist Gnade.

Das einzige, was wir tun können, ist integer im Hier und Jetzt zu leben, unsere eigene Wahrheit auszusprechen und Mitgefühl mit uns und allen anderen zu haben. Dann werden wir uns ganz von alleine spirituell weiter entwickeln und dies zu einem natürlichen Bestandteil unserer Beziehungen machen. Die geistige Welt wird uns Möglichkeiten zum Wachstum anbieten. Wir müssen nur wach und aufmerksam im Jetzt sein und vorbehaltlos die Chancen und Herausforderungen annehmen, die uns die geistige Welt schenkt.

Das klingt fast so, als müssten wir aus unserem spirituellen Versteck heraus treten, zu unserem Weg stehen und ihn in aller Offenheit und vor den Augen der Öffentlichkeit gehen.

T: Das ist wahr. Es gibt einen bestimmten Punkt in unserer Entwicklung, wo wir uns einpuppen müssen, weil wir sehr verletzlich sind, da unsere alten Werte nicht mehr funktionieren und die neuen noch nicht wirklich gefestigt sind. Aber irgendwann ist der Punkt gekommen, wo wir aufrecht zu dem stehen müssen, und wie Du sagtest, bereit sein müssen, Risiken in der realen Welt einzugehen, anstatt unser spirituelles Leben und unsere Werte im Verborgenen zu leben. Die geistige Welt wird uns dabei helfen.

Wir müssen unser Unbewusstes, unsere Schatten genau prüfen. Darin liegt unsere tatsächliche Kraft.

Die drei wesentlichen Schritte der spirituellen Transformation

Du würdest also sagen, dass die vielen Konflikte, die wir derzeit in der Welt sehen und ich in meinem eigenen Leben, Schatten des Unbewussten sind, die jetzt zum Vorschein kommen?

T: Wir müssen unser Unbewusstes, unsere Schatten genau prüfen. Darin liegt unsere tatsächliche Kraft. Wenn wir uns unser Unbewusstes nicht bewusst machen, dann werden wir unsere eigenen ungelösten Ängste auf andere übertragen, was sie und uns verletzten wird. Es gibt einen Weg, wie wir diesen Schatten und dem Unbewussten begegnen können. Es ist der Weg der spirituellen Transformation.

Der erste von drei Schritten, den wir auf dieser Reise machen müssen, ist normalerweise derjenige, bei dem wir physische, emotionale oder spirituelle Schmerzen leiden und versuchen, diesem Schmerz zu entkommen und Freude zu finden.  Oft verwandelt sich das in eine Suche nach Spiritualität. Die Suche nach Glück ist letztendlich eine Suche nach Spiritualität. Das ist der Ausgangspunkt für die meisten Menschen.

Das führt uns zum zweiten Schritt, wo wir Vergebung, tiefes Mitgefühl, die Annahme von anderen und schwierigen Situationen und ein tieferes Verständnis für uns selbst entwickeln. Wir schaffen es, unsere Gefühle von Wut und Verzweiflung zu stabilisieren. Wir fangen an, eine neutrale, nicht anhaftende Position einzunehmen, und wir hören auf, nach dem flüchtigen Glück zu greifen. Für die Dauer dieses Prozesses kann es sein, dass wir uns einen Coach oder einen Psychotherapeuten suchen, der uns hilft, Persönlichkeitsbestandteile zu integrieren und alte Wunden zu heilen. Das kann uns helfen, unsere Persönlichkeit noch mehr zu stabilisieren.

Im dritten Schritt müssen wir uns unserem Unbewussten und unseren Schattenanteilen, die wir vielleicht immer noch auf andere projizieren, stellen und diese in uns aufnehmen. Unser Schatten ist unbewusst und wird deswegen nicht von uns angenommen. Es braucht unglaublich viel Mut, uns unserer Scham und Schuld zu stellen. Es kann sein, dass wir entdecken, dass unsere perfekte Mutter uns in Wahrheit nicht geliebt und sich nicht um uns gekümmert hat, dass unser Vater uns beherrscht hat oder dass wir, ohne zu wissen, anderen gegenüber grausam waren. Diese Erkenntnis mag so schmerzhaft für uns sein, dass wir sie vergessen und von unserem Bewusstsein abgetrennt haben, aber wir tragen diese Wunde immer noch in uns und sie muss geheilt werden.

Diese unbekannten, unbewussten Beeinträchtigungen und Verletzungen, deren wir uns nicht gewahr sind, müssen in unser Bewusstsein rücken. Dies ist ein sehr wichtiger Schritt, und es braucht viel Mut, dies uns und anderen gegenüber zuzugeben, ohne in Abwehrhaltung zu gehen, wenn uns andere beschuldigen, oder Schamgefühle zu entwickeln, wenn wir es uns selbst gegenüber zugeben. Es sollte weder Scham- noch Schuldgefühle in diesem Stadium unserer spirituellen Reise geben.

Es ist äußerst wichtig zu begreifen, dass der Schmerz, der durch das Verhaftet-Sein des Egos entsteht, und die Ängste und Begierden von uns und anderen dasselbe sind. Wenn diese von uns errichteten Barrieren zwischen unserem Ego und der Seele und zwischen anderen und uns einstürzen, dann werden wir wahrhaftig zu einer von der Seele durchdrungenen Persönlichkeit.

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